Schulschwierigkeiten

©A. Jean Ayres: "Bausteine der kindlichen Entwicklung"
erschienen im Springer-Verlag   /   ISBN 3-540-13303-8


"Es gibt Kinder, die im häuslichen Milieu alles ganz richtig machen oder aber eben gerade so gut, dass die Probleme von den Eltern nicht bemerkt werden. Sobald sie jedoch in die fremde Umgebung der Schule kommen, gibt es unter Umständen große Schwierigkeiten. Die Lehrer bezeichnen Lesen, Schreiben und Rechnen als Grundlagenfächer. In Wirklichkeit handelt es sich aber bei diesen Lehrstoffen bereits um sehr komplexe Prozesse, die sich nur bei einer einwandfreien geistigen Verarbeitung der durch die Sinnesorgane aufgenommenen Wahrnehmungen erlernen lassen. Eine Verarbeitungsstörung, die in der frühen Kindheit des betroffenen Kindes als minimal bezeichnet wurde und zu keiner Nennenswerten Auffälligkeit führte, kann ein sehr großes Problem werden, wenn das Kind in die Schule kommt."

"Eltern und Lehrer erwarten von dem Schulkind wesentlich mehr, als dies beim Kleinkind der Fall war. Nicht nur, dass das Kind eine erhebliche Vielfalt von neuen Dingen lernen muss, es wird auch gezwungen, mit seinen Klassenkameraden und dem Lehrer auszukommen. Ein Kind, dessen Gehirn Empfindungen und Wahrnehmungen jeglicher Art nicht gut genug ordnen kann, wird Schwierigkeiten haben, Freundschaften zu schließen und diese aufrecht zu erhalten. Die Schule stellt an ein solches Kind stärkere Forderungen als an die anderen, da das Kind für dieselben Aufgaben intensiver arbeiten muss als seine Klassenkameraden. Viele Kinder mit mangelhafter sensorischer Integration fühlen sich deshalb in der Schule hilflos und ängstlich."

"Es gibt eine Menge kleiner Dinge, die das Kind in der Schule zu machen hat. Ein Kind mit schlechter sensorischer Integration hat es schwer, z. B. schon die Schnürsenkel zu binden oder einen Bleistift richtig zu halten, ohne dass die Mine abbricht, von einer Arbeit zur anderen überzuwechseln oder Verkehrszeichen auf dem Weg zur Schule richtig zu erkennen und viele andere Dinge mehr. Hinzu kommt der Wettkampf im Sport mit Kindern, die eine wesentlich bessere sensomotorische Fähigkeit haben. Da ein solches Kind den anderen wegen seiner gestörten Wahrnehmungsverarbeitung unterlegen ist, verliert es sehr oft die Freude am Sport."

"Die Schule bringt jedoch noch andere Probleme. Das Kind muss in einem Raum aufmerksam sein, der viele Menschen enthält, obwohl es kaum aufmerksam sein kann, wenn es allein mit einer Person oder seinem Lehrer ist. Es wird von ihm erwartet, Dinge möglichst schnell zu tun, wenn es in Wirklichkeit Dinge nur langsam machen kann. Oder aber es wird verlangt, etwas langsam zu tun, wenn es leichter ist, sich dabei schneller zu bewegen. Es muss zwei Dinge auf einmal tun, wie z. B. bei der Aufforderung: "Steck Dein Buch weg und hol Deinen Bleistift heraus". Dabei ist es für ein solches Kind oft schwer, eine einzige Anweisung zu verstehen und auszuführen."

"Im Klassenraum wird ein solches Kind leicht von den verschiedenen Geräuschen, vom Licht und dem Durcheinander von vielen Menschen abgelenkt. Sein Gehirn ist überstimuliert und reagiert deshalb mit einer vermehrten Aktivität. Das überaktive Kind springt im ganzen Klassenzimmer umher, nicht weil es das so möchte, sondern weil sein Gehirn ihm völlig aus der Kontrolle gerät. Überaktivität ist eine zwanghafte Reaktion, die es weder in geordnete Bahnen lenken noch völlig abschalten kann. Die Konfusion in seinem Gehirn macht es ihm unmöglich, sich zu konzentrieren und bei einer Sache zu verweilen. Es kann deshalb nicht verstehen, was sein Lehrer ihm beizubringen versucht."

"Steht es in einer Reihe mit anderen und wird aus Versehen angestoßen, so reagiert es ärgerlich und schlägt zurück. Der Ärger und das Zurückschlagen haben jedoch nichts mit einer persönlichen Beziehung oder Ablehnung des Betroffenen zu tun. Sie stellen eine automatische Reaktion auf Empfindungen dar, die das Kind nicht ertragen kann."

"Das Kind kann weder über diese Probleme sprechen noch kann es verstehen, was da passiert, da das Problem nicht im Bewusstsein des Kindes, sondern in Hirnprozessen seinen Ursprung hat, die unterhalb der Bewusstseinsebene und der Kontrolle liegen. Es wäre völlig sinnlos, ihm zu sagen, dass es sich selbst besser kontrollieren oder konzentrieren solle. Belohnungen wie Bonbons oder goldene Sterne oder Bestrafungen machen es für ein solches Gehirn nicht leichter, die einströmenden Wahrnehmungen besser zu ordnen. Erwachsene machen das Problem des Kindes oft schlimmer, indem sie Forderungen stellen, die es nicht erfüllen kann."

"Nachdem einige Jahre mit diesen Erfahrungen verstrichen sind, realisiert das Kind, dass es anders ist als die meisten Kinder. Es kann ihm dann plötzlich bewusst werden, dass es in mancher Hinsicht immer anders sein wird, als seine Mitmenschen. Ohne die fürsorgliche Hilfe der Eltern bleibt es dann nicht aus, dass es in dem Gedanken aufwächst, es wäre dumm oder schlecht, besonders dann, wenn andere Kinder ihm so etwas erzählen. In einem solchen Fall ist es nicht genug, ihm nur in Worten zu sagen, dass es nicht dumm oder schlecht sei. Worte oder Gedanken können seinem Gehirn nicht helfen, sich besser zu organisieren. Lediglich erlebte Empfindungen und Anpassungsreaktionen können seine Selbstachtung aufbauen."


"Eine Störung der Integration sinnlicher Wahrnehmung
ist eine schwere Last für jedermann, der sie zu tragen hat."

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Anna Jean Ayres
"Bausteine der kindlichen Entwicklung"
Störungen erkennen und verstehen / Ganzheitliche Frühförderung und Therapie / Praktische Hilfe für Eltern

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letztes Update: 05.01.2005

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