Autistische Jugendliche und Erwachsene

Prof. Dr. Jürgen Wendeler ©

(Herr Professor Dr. Wendeler war Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Bundesverbandes "Hilfe für das autistische Kind")


"Wenn vom frühkindlichen Autismus die Rede ist, dann fast nur vom autistischen Kind. Aber aus den Kinder werden Jugendliche und Erwachsene, und autistisch sind sie dann immer noch. Und sie sind auf Verständnis, Hilfen und Schutz kaum weniger angewiesen als die Kinder."

So beginnt das Vorwort von Professor Dr. Wendelers Buch, das auf 46 Interviews mit Eltern autistischer Menschen beruht.

Im folgenden Artikel fasst er die wichtigsten Aussagen aus diesem Buch zusammen.


Es gibt nicht nur autistische Kinder

Der "frühkindliche Autismus" ist eine Behinderung, die in der frühen Kindheit beginnt, spätestens vor dem 30. Lebensmonat. Aber sie ist nahezu immer chronisch. Das autistische Kind wächst heran, und es bleibt autistisch, und es muss, wenn die medizinische Wissenschaft keine Heilungsmöglichkeiten findet, immer mit dieser Behinderung leben.

Trotzdem kommt es im Entwicklungsverlauf zu wichtigen Veränderungen

Im ganzen gesehen sind es meist allmähliche Besserungen, allerdings von Krisen unterbrochen, manchmal geringfügigen, manchmal sehr ernsten.

Das Interesse an sozialen Beziehungen wird mit zunehmendem Alter oft deutlicher. Aber die typischen Behinderungen im Sozialverhalten bleiben bestehen, das Kontakt- und Kommunikationsverhalten bleibt abnorm.

Die Ursache dafür ist im fehlenden oder unzulänglichen Verständnis für die - oft subtilen - Regeln des sozialen Umgangs zu sehen.

Autistische Menschen sind sozial naiv:

Nicht unbedingt abweisend, manchmal im Gegenteil sogar aufdringlich, absolut vertrauensvoll und voll von einer unvermittelten Direktheit, unfähig zur Lüge oder Verstellung und oft in schmerzlicher Weise unfähig, die Absichten und Gefühle anderer Menschen zu erfassen.

Die Zwänge und Rituale werden oft schwächer, verschwinden aber nicht völlig.

Sie können eher als im Kindesalter durch Ermahnungen abgekürzt oder durch Angebote anderer Tätigkeiten durchkreuzt werden. Bei Belastungen und in Krisen werden sie stärker, ebenso aber auch bei Unterbeschäftigung und Langeweile. Leider erhöhen diese sonderbaren Handlungen die soziale Isolation. Die Umwelt, dadurch in jedem Fall irritiert, ist gegenüber dem Erwachsenen mit solcher Wunderlichkeit weniger tolerant als bei Kindern.

Die sprachlichen Fähigkeiten verbessern sich meist bis ins frühe Erwachsenenalter, vermutlich noch darüber hinaus. Einige der stärker Behinderten, die nicht sprechen können, erwerben eine manuelle Zeichensprache. Trotz der Fortschritte bleiben auch bei den Befähigteren erhebliche Schwächen bestehen, vor allem erkennbar in den Schwierigkeiten, ein echtes Wechselgespräch zu führen. Autistische Menschen sprechen eher zu als mit anderen.

Im Jugendlichen- und Erwachsenenalter ist die soziale Abhängigkeit noch deutlicher als im Kindesalter. 

Autistische Menschen sind auf das Verständnis und das Wohlwollen der Mitmenschen in starkem Maße angewiesen, und damit von deren Menschlichkeit und Belastbarkeit abhängig.

Sie sind, ungeachtet ihrer scheinbaren Selbstbezogenheit, wehrlos und sehr schutzbedürftig. Da sie die sozialen Regeln nicht von selbst lernen, muss man sie mit ihnen in einzelnen, so weit man kommt, einüben, ohne ungeduldig zu werden, dass Selbstverständlichkeiten gelehrt werden müssen. Man muss zu ihnen sprechen und ihnen Anlässe zum Sprechen geben, und wenn sie nicht sprechen können, die Möglichkeit zu nichtsprachlichen Mitteilungen. Allerdings braucht man deshalb die bei einigen vorhandene Neigung zu uferlosen Wiederholungen derselben Inhalte nicht zu unterstützen, wenngleich man auch sehen sollte, dass dies Versuche zum Aufbau einer Unterhaltung sein können.

Man sollte helfen, die Rituale einzuschränken, soweit es möglich ist, entweder indem man für Anregung und Ablenkung sorgt, oder umgekehrt für Entspannung und Ruhe.

Man muss autistische Menschen in das soziale Leben einbeziehen, wann immer es sich einrichten lässt, auch wenn die Teilnahme äußerlich betrachtet unzulänglich sein mag.
Man muss sie zu einer sinnvollen Freizeitgestaltung anleiten, wobei man an die meist vorhandenen Spezialinteressen (z.B. Sammlungen) anknüpfen kann und die motorischen Bedürfnisse berücksichtigen sollte.

Frühkindlichen Autismus gibt es in Verbindung mit unterschiedlichen Behinderungsgraden.

Von den geistig schwer behinderten autistischen Jugendlichen und Erwachsenen können die meisten im Rahmen eines üblichen Arbeitsprogramms einer Werkstatt für Behinderte kaum eine produktive Arbeit leisten. Sie können aber in einer speziellen Gruppe für schwerer Behinderte teilnehmen, vorausgesetzt, dass ihrem vermehrten Bewegungsbedürfnis Rechnung getragen wird. Geistig behinderte autistische Jugendliche und Erwachsene dagegen können in einer solchen Werkstatt produktiv mitarbeiten, wobei ihnen spezielle Fertigkeiten, die sie oft besitzen, zugute kommen können. Nicht selten sind sie sogar durch eine stark partialisierte monotone Arbeit, wie sie in diesen Werkstätten vielfach entwickelt wurde, unterfordert. Wenn es Eingliederungsprobleme gibt, so nicht wegen der Arbeitsleistung, sondern wegen sozialer Schwierigkeiten.

Dasselbe gilt für die kleine Gruppe autistischer Menschen mit nur schwachem Behinderungsgrad. Gerade für sie ist der Übergang in die Berufs- und Erwachsenenwelt besonders schwer.

Vielfach scheitern sie bereits während der Berufsausbildung wegen sozialer Probleme, die sich teilweise aus ihren eigenen sozialen Behinderungen ergeben, teilweise aus der mangelnden Fähigkeit und Bereitschaft der Vorgesetzten, Kollegen und Ausbilder, diese zu ertragen oder auszugleichen. Die besonderen pädagogischen und sozialen Hilfen, auf die autistische Menschen angewiesen sind, müssen deshalb darauf abgestellt sein, ihre sozialen Defizite zu kompensieren, sei es durch Förderung der entsprechenden Fähigkeiten, sei es durch Toleranz gegenüber der daraus entstehenden Eigenheiten. Die besonders soziale Bedürftigkeit und Abhängigkeit, trotz manchmal gegenteiliger Eindrücke zu erkennen und zu berücksichtigen, ist Voraussetzung für die richtigen Hilfestellungen. 

Lernfähigkeit und Lernbereitschaft bleiben bis ins Erwachsenenalter bestehen und verbessern sich nicht selten, nach Überwindung von Störungen und Krisen, gerade in dieser Zeit.


zur Online-Bestellung

Prof. Dr. Jürgen Wendeler


AUTISTISCHE JUGENDLICHE UND ERWACHSENE

Gespräche mit Eltern

Verlag: Beltz
ISBN-Nr. 3 407 54143 0

Das Buch beschreibt die Lebenssituation autistischer Jugendlicher und Erwachsener. Es ergänzt damit die Literatur, die fast ausschlie▀lich dem autistischen Kind gewidmet ist.

Wegen der gegenwärtigen fehlenden Heilungsmöglichkeiten ist der "frühkindliche Autismus" aber trotz erheblicher Besserungen im Entwicklungsverlauf nahezu immer eine lebenslange Behinderung.

Im Jugend- und frühen Erwachsenenalter stellt sich deshalb das Problem der sozialen Eingliederung, wie bei anderen Behinderungen, in verschärfter Form. Es ist beim Autismus wegen der unzulänglichen sozialen Fähigkeiten und der hohen sozialen Abhängigkeit besonders schwer zu lösen.

Die Darstellung versucht ein umfassendes Bild der Persönlichkeit und der sozialen Situation autistischer Jugendlicher und Erwachsener zu vermitteln. Sie will damit zum Verständnis der Eigenheiten und der speziellen Bedürfnisse dieser Menschen beitragen.

Das Buch, das um eine anschauliche und lebensnahe Beschreibung bemüht ist, richtet sich an Lehrer und Sozialarbeiter, an Mitarbeiter in Wohnstätten, in Werkstätten für Behinderte und in anderen Betrieben, sowie an Eltern, Verwandte, interessierte Laien und Freunde autistischer Menschen.

Buch bestellen bei Amazon.de


Obwohl bereits 1984 herausgegeben, hat dieses Buch bis heute nichts von seiner Gültigkeit verloren. Es beschreibt die Verhaltensweisen autistischer Jugendlicher und Erwachsener in einer sehr persönlichen und anschaulichen Weise - aus Sicht und in der Sprache der Eltern. Für alle, die sich mehr in das Leben und Erleben autistischer Menschen hineinfühlen möchten, ist dies ein sehr lesenswertes Buch.

(Kommentar: Hannelore Gerner)

zurück zum Text

zurück nach:

Pinnwand

Bücher

Asperger-Syndrom

letztes Update: 06.01.2005

Sitemap / no Frame