Der (leicht) autistische Heranwachsende

erschienen im Heft "autismus" Nr. 9 / 1980
herausgegeben vom Bundesverband "Hilfe für das autistische Kind"

Persönliche Anmerkung:
Bei dem folgenden Artikel handelt es sich um das Ergebnis einer Untersuchung aus dem Jahr 1974 von 50 leicht autistischen Jugendlichen über den Zeitraum von einem Jahr - von der Beschreibung her hätten diese Jugendlichen heute wohl die Diagnose "Asperger-Syndrom" oder "High-functioning-Autismus".  Obwohl diese Untersuchung bereits über 25 Jahre her ist, haben die Ergebnisse nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Im Gegenteil, es ist verblüffend und leider auch erschreckend zugleich, zu welchen Schlussfolgerungen und daraus resultierenden Forderungen dieser Arbeitskreis von 6 Eltern und Fachleuten gekommen ist, und - vergleichend - wo wir heute im Ergebnis sind.
Hannelore Gerner

Übersetzung aus dem Journal of Autism and Childhood Schizophrenia, Vol. 4.348-356, 1974
Resultat der Arbeitsgruppe: Margret Everard, Koordinatorin; Dr. Hazel Baker, Dr. L. Bartak, Margaret Dewey, Dr. Elizabeth Newson, Prof. John Newson, Judy Shrimpton. Übersetzung: K. Wagner-Riddiford

Welche Besonderheiten und Probleme hat das leicht autistische Kind in den schwierigen Jahren zwischen Pubertät und Erwachsenenalter?

Eine Korrespondenzgruppe von Eltern und Fachleuten des britischen und des amerikanischen Vereins für autistische Kinder hat versucht, einige Beobachtungen über dieses Thema zusammenzutragen. Die Eltern konnten auf ihre unmittelbaren häuslichen Erfahrungen und die aus ihrer Arbeit für die NSAC zurückgreifen. Die Fachleute wählten solche Schüler und Patienten aus, deren leichte Behinderung spezielle Behandlung oder Förderungsmaßnahmen zu erfordern schien. Insgesamt wurden ungefähr 50 Kinder miteinander verglichen, deren Mehrzahl Jungen waren, 11 davon sind inzwischen erwachsen. Es wäre wünschenswert gewesen, einige Mädchen, die jetzt erwachsen sind, mit einzubeziehen, aber keines war der Arbeitsgruppe gut genug bekannt. Informationen über eine größere Stichprobe von 'beinahe normalen' autistischen Jugendlichen beider Geschlechter in voller Altersskala könnten die Ergebnisse, zu denen die Arbeitsgruppe kam, durchaus verändern.

Der 'beinahe normale' Autist hat einige Vorteile, was die Anpassungsfähigkeit betrifft, im Vergleich zu schwer autistischen Gleichaltrigen im Hinblick auf seine potentielle Förderung und Beschäftigung. Es wäre aber falsch, daraus zu schließen, dass er deshalb weniger Probleme hat. Seine autistischen Behinderungen bedrohen den erfolgreichen Abschluss jeglicher Unternehmung, die andere Menschen mit einschließt. Sie bleiben ein beherrschender Faktor in seinem Leben, ganz gleich wie gut er sich innerhalb seiner Grenzen anpasst oder seine Defizite kompensieren kann.

Der folgende Bericht fasst die Merkmale zusammen, die die Arbeitsgruppe über 'beinahe normale' autistische Jugendliche beschrieben hat. Einbezogen sind Sprache, zwischenmenschliche Beziehungen, das Bewusstsein für Unordnung und spezielle Begabungen, sowie einige Beobachtungen darüber, wie diese Probleme im Einzelnen gemeistert werden.

Sprache > nicht wechselseitige Sprache

Obwohl einige autistische Kinder überhaupt nicht sprechen können, sind leicht autistische Kinder oft durch ihre Neigung behindert, dass sie bei einem außergewöhnlichen Interesse für ein Thema übermäßig davon sprechen. Es fällt ihnen nicht auf, dass die Zuhörer ihre Begeisterung unter Umständen nicht teilen, und sie reden immer weiter und, wegen ihrer großen Konzentration auf das, was sie zu sagen versuchen, reagieren sie gar nicht auf sich abzeichnende Langeweile. Ein solcher Monolog lässt sich nur schwer unterbrechen oder in seinem Verlauf durch Bemerkungen anderer lenken. Und so findet das Hin und Her einer normalen Konversation nicht statt. Im günstigsten Fall ist der Autist ein schlechter Zuhörer und manchmal scheint er überhaupt nicht zu beachten, dass ein anderer mit ihm zu sprechen versucht. Sollte, was wahrscheinlich der Fall ist, eine Zuhörbehinderung dem Autismus zugrunde liegen, hilft es genauso wenig, den Autisten aufzufordern "Hör doch endlich zu!", wie es einem Blinden hilft, wenn man ruft "Pass auf!". Durch solche Mahnungen lernen Autisten, evtl. auf ihre Fehler aufmerksam zu werden, aber sie erhalten dadurch keine Orientierungshilfe.

Eltern berichten häufig, dass das leicht autistische Kind eine ganze Zeit braucht, bis es eine Bemerkung, die es gerade gehört hat, verarbeitet hat. Vielleicht ist es sinnvoll, es dazu zu bringen, dass es sich meldet, wenn es jemanden im normalen Sprechtempo nicht versteht. Selbst wenn totales Sprachverständnis bei Geselligkeiten unmöglich ist, kommt der Autist oft davon, wenn er die Kunst des Zuhörens übt, während die anderen sprechen. Aber er muss lernen, in bestimmten Situationen, z. B. bei der Arbeit, unbedingt klar zum Ausdruck zu bringen, wenn er etwas nicht verstanden hat, und um schriftliche Anweisungen zu bitten. In der Schule kommt er vielleicht durch, indem er die Unterrichtsstunden im Voraus auswendig lernt, aber diese Methode, wenn auf Geselligkeit übertragen, lässt ihn langweilig erscheinen, weil er versucht, das Gespräch auf Themen zu lenken, auf die er sich vorbereitet hat.

Wenn es ihm gelingt, einigermaßen zuzuhören, und dies ständig zu üben, kann er doch letzten Endes seine Fähigkeit, ein Gespräch zu führen, aber er wird immer unsicher sein, ob er zuviel, genügend oder zu wenig gesagt hat. Ein solches Bewusstsein entsteht aus der Fähigkeit, die Reaktionen des anderen im Laufe des Gesprächs zu interpretieren. Das ist äußerst schwierig für den Autisten, der nur eine Sache gleichzeitig beachten kann und dazu neigt, in seinen eigenen Gedanken versponnen zu sein.

Sprache > Wortwörtlichkeit

Die Wortwörtlichkeit eines Autisten übersteigt bei weitem die Wortwörtlichkeit eines Kleinkindes oder eines retardierten Menschen. Ursache dafür ist die grundlegende Kommunikationsstörung, die für ihn die Sinnesverschiebung von Wörtern in verschiedenen Situationen unverständlich macht. Außerdem neigt er dazu, bei seinen ersten Eindrücken zu beharren, statt sie aufzugeben, um andere Bedeutungen zu prüfen.

Zum Beispiel: Ein junger Erwachsener, der Musiker ist, rief seine Eltern an, um herauszufinden, welches Mittel zur Säuberung seiner Klaviertasten geeignet sei. Seine Mutter schlug einen feuchten Lappen mit einfacher Elfenbeinseife ("Ivory = Elfenbein" > Markenname einer amerikanischen Seife) vor. Einige Zeit später rief er zurück und sagte, er habe seinen Katalog für Klavierbedarf durchsucht, ohne eine Spezialseife für Elfenbein zu finden. Kein normaler Mensch, der in der amerikanischen Reklamewelt groß geworden ist, würde so lange den Markennamen dieser bekannten Haushaltsseife übersehen haben.

Manche Wortwörtlichkeit basiert nicht auf einem Wort mit mehreren möglichen Bedeutungen, sondern auf einer Redewendung oder einem Satz. Auf der Tagung des NSAC in San Francisco 1970 nämlich beantwortete ein autistischer junger Mann solche fragen wie "haben Sie ein Hobby" mit einem schlichten "ja" und nichts mehr, - es sei denn, dass eine zweite Frage folgte. Andererseits konnte eine Frage auch eine viel ausführlichere Antwort als gewollt hervorbringen. Zum Beispiel wurde ein autistischer Jugendlicher gefragt, wie er Schreibmaschine gelernt habe. Statt einfach die Quelle seines Unterrichts zu nennen, begann er: "In der ersten Lektion übte ich die Buchstaben F und J ... " - sicherlich hätte er die ganze Tastatur abgehandelt, hätte man ihn nicht nach einer detaillierten Beschreibung einer Lektion unterbrochen. Da es unmöglich ist, einem autistischen Kind jede Sprachnuance (sowie nichtsprachliche Zeichen) und Vielfachbedeutungen beizubringen, kompensiert ein Autist letzten Endes auf folgende Weise:

  • durch Sprachgenauigkeit, indem er Wörter sucht, die eine bestimmte konkrete Bedeutung haben,
  • durch Konzentration auf Themen, in denen er sich ausgezeichnet auskennt,
  • durch ausgedehnte Lektüre zum Zwecke der Information eher als aus Freude am Lesen, da er Sachbücher Belletristik vorzieht,
  • durch die Entwicklung irgendwelcher nichtsprachlicher Begabungen, in solchem Ausmaß, dass er die erwünschte soziale Billigung erhält.

Wegen seiner Wortwörtlichkeit ist der Autist ein leichtes Opfer für Spötter. Wenn er auf Streiche mit Zorn reagiert, wurde das Problem vergrößert. Selbst wenn er Neckereien mit Geduld hinnimmt, ist die Wortwörtlichkeit eine ausgesprochene Behinderung in der Schule oder bei der Arbeit, weil die meisten Menschen eine Art Kurzschrift-Sprache zum Kommunizieren benutzen, die keineswegs wortwörtlich gemeint ist.

Sprache > irrelevante Sprache

Irrelevante Sprache ist für sich allein harmlos oder sogar amüsant. Sie ist aber ein Zeichen für Unaufmerksamkeit und für die Unfähigkeit, den Gedankenfluss zu verstehen. Zum Beispiel: Ein autistischer Junge, der bei Tisch selten sprach, wurde manchmal lebhaft, wenn er einen vertrauten Namen hörte und machte Bemerkungen über die Stimme des Menschen, von dem die Rede war. Ganz gleich, ob im Zusammenhang mit dem Gewinn eines Preises in Naturwissenschaft, oder weil er sein Motorrad kaputt gefahren hatte. Dieser autistische Junge bemerkte etwa: "Ich erinnere mich, dass er bis in die 8. Klasse eine hohe Sopranstimme hatte, die dann zum Tenor wurde." Wenn man diesen Autisten so trainieren kann, dass er auf der richtigen Wellenlänge ist, um seine Gesprächsbeiträge relevanter zu machen, wird er seine Fähigkeit verbessert haben, mit vielen Situationen fertig zu werden.

Es gibt weder eine schnelle, noch eine leichte Methode, dem Autisten das Relevante beizubringen. Wenn er in einer großen und ausdrucksstarken Familie aufwächst, ist ihm vielleicht sein Problem mit seiner Irrelevanz (oft Irrelevantes von sich zu geben) bewusst, schon bevor er gelernt hat, es zu korrigieren. Ein leicht autistischer Junge begann jede Bemerkung mit "und übrigens" als Schutz vor dem Stöhnen, das sonst manchmal seine Mitteilungen auslösten. Eltern und Geschwister eines Autisten können sein Selbstvertrauen in seine Fähigkeit, mit Verständnis zuzuhören, ausbauen, indem sie seine relevanten Bemerkungen loben.

Beziehungen > Liebe und Freundschaft

Der Autist kann eine tiefe Zuneigung zu einer anderen Person haben, aber er wird kaum die Art von emotionalen Beziehungen anknüpfen können, die Voraussetzung dafür sind, dass man auf die Gedanken und Gefühle anderer voll eingestimmt ist. Wegen seines unreifen Verhaltens fühlen sich Gleichaltrige selten zum autistischen Kind hingezogen. Man muss ihm mehr entgegenkommen, und es gibt kaum Spielkameraden, die auf diese Notwendigkeit reagieren können oder Lust haben, die Erfahrung öfters zu wiederholen. Im Laufe des Heranwachsens findet der Autist vielleicht einige echte Freunde, die seine Interessen teilen, obwohl seine Interaktion mit ihnen sich meistens auf das gemeinsame Hobby oder die gemeinsame Beschäftigung beschränken.

Wenn ein autistisches Kind von seinen Freunden spricht, meint es meistens irgendwelche freundliche Personen jedes Alters, die es gut kennen und mit Namen begrüßen. Es erwidert diese Freundschaft oft, indem es sich nicht nur an ihre Namen, sondern auch an solche Daten wie Telefonnummern oder Geburtstage erinnert. Da es unfähig ist, Tiefe und Echtheit einer Freundschaft zu beurteilen, kann es manchmal das Opfer skrupelloser Personen sein, die es ausnutzen wollen. Dies könnte besonders bei körperlich reifen Mädchen geschehen.

Der Autist begreift nicht leicht den Wink mit dem Zaunpfahl, wenn seine Freunde genug von ihm haben, und er ist deshalb oft verdutzt oder beleidigt, wenn die anderen sich nicht mehr für ihn zu interessieren scheinen. Nicht alle Autisten sind "Einzelgänger". Manche scheinen solche zu sein wegen ihrer schmerzhaften Unsicherheit darüber, wie sie mit anderen umgehen sollen. Für diejenigen, die im Grunde ihres Herzens gesellig sind, bieten irgendwelche Freizeitgruppen die Gelegenheit zu einem geteilten Vergnügen. Organisierte Aktivitäten und beaufsichtigte Ausflüge sind eine willkommene Abwechslung für einen Autisten der angst hat, vor anderen das Falsche zu machen.

Beziehungen > soziales Bewusstsein

Eine der gewinnenden Eigenschaften eines Autisten ist sein mangelndes Bewusstsein für soziale Schicht und Stellung anderer Menschen selbst dann, wenn er sehr wohl über seinen eigenen Rang in der Gesellschaft unterrichtet ist und eine genaue Vorstellung seiner eigenen Ziele hat. Wenn er von "Fred Martin" spricht, könnte er einen Portier, einen Dichter oder einen Bürgermeister meinen. Die Merkmale für Alter, Rasse, Berufstätigkeit und Bildung werden nicht sofort von ihm wahrgenommen, da er seine ganze Anstrengung darauf ausrichtet, anderen Leuten zu gefallen oder sie zu beeindrucken. Im allgemeinen mag er sie in dem Maße, wie sie zu ihm freundlich und von ihm günstig beeindruckt waren.

Da er seine Sprechweise nicht leicht an die seiner Zuhörer anpassen kann, wird der Autist dann weniger auffallen, wenn er unter Leuten ähnlichen Milieus ist. Wenn er eine besondere Begabung hat, werden natürlich solche Menschen ihn am meisten schätzen, deren Bildungsstand ihnen dies ermöglicht. Aber vielleicht wird er von denjenigen am ehrlichsten angenommen, die selber am Rande der Gesellschaft leben. Die Tatsache, dass der Autist soziale Differenzierungen unbeachtet lässt, kann seine Familie als Segen ansehen, denn seine Chancen steigen dadurch, einen Platz in der Gesellschaft zu finden, mag er auch den Stolz der Familie treffen.

Beziehungen > sexuelle Beziehungen

Autisten sind meistens naiv, unreif und unerfahren in sexuellen Angelegenheiten. Probleme mit Sexualvergehen sind in diesem Zusammenhang längst nicht so groß, wie man bei schlecht sozial angepassten Menschen erwarten könnte. Wahrscheinlich deshalb, weil die Behinderung Autismus schon auf der ersten Stufe einer Intimität als Sperre wirkt, wenn subtile Botschaften zur Stimulierung des Interesses ausgesandt und empfangen werden.

Dass keine offensichtlichen Probleme vorhanden sind, soll nicht bedeuten, dass Autisten mit ihrer sexuellen Anpassung glücklich sind, obwohl den meisten ein Zölibat zuzusagen scheint. Mindestens für einen Teil ihrer Jugendzeit sind autistische Jugendliche beunruhigt darüber, dass ihre Annäherungsversuche vom anderen Geschlecht abgelehnt werden. Leider ist es nicht gerade leicht zu erklären, wie man eine Freundschaft beginnt, die evtl. zu einer sozial annehmbaren sexuellen Beziehung führen kann. Was in einer Situation wünschenswert ist, kann in einer etwas anderen Umgebung abstoßend wirken. Mit der Zeit lernt der Autist durch unglückliche Erfahrungen, dass er sicherer geht, wenn er seinen Neigungen nicht nachgibt, einer anderen Person, die er attraktiv findet, zu folgen, sie zu berühren oder anzusprechen. Wenn sogar die ersten Versuche, eine Sehnsucht auszudrücken, den Autisten Schwierigkeiten bereiten, ist es kein Wunder, dass die meisten von ihnen schließlich zu der Meinung kommen, dass sexuelle Befriedigung für sie nichts ist.

Beziehungen > Heirat

Über die Möglichkeit für einen Autisten zu heiraten, lässt sich viel spekulieren. Kanner (1969) hat darauf hingewiesen, dass einer seiner ursprünglichen autistischen Patienten schließlich heiratete, aber es liegt kein Bericht über den erfolg oder die Dauer dieser ehe vor. Ehe-Partnerschaften werden aus vielen Gründen - aus Zweckmäßigkeit und nicht nur aus Liebe - geschlossen. Wegen seines fehlenden Einfühlungsvermögens und seiner mangelnden Flexibilität wäre ein Autist in jedem Fall eine schlechte Wahl. Aber es ist möglich, dass bestimmte Autisten nach der Ansicht sehr ungewöhnlicher einzelner, die bereit sind, sie lebenslang zu betreuen, ausgleichende Qualitäten besitzen. Zu solchen Qualitäten könnten etwa ein attraktives Aussehen, eine besonders breite Begabung oder eine Arglosigkeit eines Heiligen zählen.

Beziehungen > familiäre Beziehungen

Von den Erfahrungen von Eltern mit autistischen Kindern ist anderwärts schon berichtet (Eberhardy, 1967; Schopler, 1971). Sie fühlen sich vielleicht schuldig, zornig oder sehr traurig. Ein autistisches Kind ist gut dran, wenn die Eltern von Frustration und Enttäuschung nicht allzu überwältigt sind. Nur so können sie Selbstvertrauen aufbauen und das Kind zu einem verbesserten Verhalten führen. So lange Eltern die Hoffnung haben, vorübergehende Entwicklungsprobleme zu meistern, sind sie auch bereit, einige Störfaktoren zu verkraften. Vielleicht suche sie für ihr Kind die Hilfe eines Fachmanns bei der Bewertung des beim Kind vorhandenen Potentials, um sowohl Überprotektion, als auch Überforderung zu vermeiden. Aber zuweilen konnten die Eltern das Potential ihres Kindes besser beurteilen als die Berater, die es nur zu kurzen Besprechungen sahen. In der Vergangenheit wuchsen viele 'fast normale' Autisten auf, ohne irgendein Etikett zu tragen, geführt allein durch die Intuition ihrer Familien.

Beziehungen > Geschwister

Das autistische Kind ist für seine Brüder und Schwestern ein ständiger Anlass, sich zu schämen. das gilt besonders dann, wenn die Geschwister in ein Alter kommen, in dem sie sich gerne als Konformisten benehmen. Wenn ihnen niemand Autismus als echte Behinderung erklärt hat, sondern sie es für schlechtes Benehmen und Engstirnigkeit halten, können sie in eine Antihaltung hinein geraten und die Zuwendung die ein autistisches Kind braucht, samt seinem stigmatisierenden Verhalten ablehnen. Andererseits haben sich Geschwister als unschätzbare Therapeuten herausgestellt, weil sie gut informiert und von instinktiver Sympathie waren. Durch geduldige Interaktionen mit dem Kind helfen sie mit, es mit seiner eigenen Generation in Verbindung zu bringen.

Diese positive Einstellung tritt eher ein, wenn das autistische Kind jünger als seine Geschwister ist oder gegengeschlechtlich. Die Eltern können die Chance, dass ihr Kind angenommen wird, auf folgende Art vergrößern:

  • den anderen Kindern ausreichend Zuwendung zuteil werden lassen
  • die Behinderung 'Autismus' erklären (ob so benannt oder nicht)
  • Wege vorschlagen, wie Geschwister ein besseres Verhalten vorbringen können und dieses belohnen
  • die Wertschätzung jeder Hilfe durch Geschwister zum Ausdruck bringen und immer daran denken, auch für ihre Probleme aufgeschlossen zu sein

Bewusstsein der Behinderung

Die Entscheidung darüber, ob man dem Kind sagt, dass es autistisch ist, wird von Familie zu Familie unterschiedlich ausfallen. In einigen Fällen wird das Kind gewiss glücklicher dabei sein, eine Erklärung für seine Probleme zu erhalten. Viele Eltern möchten, wenn sie selbst erst einmal über Autismus aufgeklärt sind, auch ihrem Kind die schreckliche Unsicherheit nehmen. Andere meinen, dass der Ausdruck 'Autismus' viele Menschen stärker mit Vorurteilen belastet, als ein leichter Fall schließlich rechtfertigt. Wie immer die Entscheidung ausfällt, sollten Eltern mindestens die Symptome eines leichten Autismus in einer so liebevollen Art erklären, dass ihr heranwachsendes Kind sich nicht schuldgequält fühlt und ratlos vor seinen Defiziten steht. Wie in der Sexualerziehung kann auch hierzu viel zu früh gesagt werden, was dann zu krankhafter Besessenheit führt. Das ist aber kein Grund, das Thema völlig zu umgehen, wenn ein Heranwachsender Antwort auf seine Fragen haben möchte, und schließlich braucht er ja auch ein Wissen über seine Probleme, um sich selbst helfen zu können.

Wertvorstellungen und Probleme mit Talenten

Wie verhält man sich mit einem autistischen Kind, das außergewöhnliche Talente auf einem Spezialgebiet zeigt? Man wird kaum sagen können, dass es nicht ermutigt werden sollte, seine Begabungen zu entwickeln, einmal zur eigenen Freude, die es daran hat, als auch, um die Gelegenheit wahrzunehmen, einen Beitrag für die Gesellschaft zu leisten. Freilich mag es für den Laien so erscheinen, als sei die Exzentrik, die man bei einem talentierten Autisten feststellt, das Resultat des elterlichen Versuches, ein Genie heranzubilden. Auf solche Interpretationen müssen Eltern gefasst sein, wenn sie früh das Talent ihres Kindes fördern. Wenige werden ihnen glauben, wenn sie betonen: "Wir helfen ihm nur, das zu tun, was er unbedingt tun will."

Freilich wird die tägliche stundenlange Konzentration auf Zahlen, wissenschaftliche Grafiken oder Musik die Aufmerksamkeit des Kindes für soziales Lernen beeinträchtigen. Aber schließlich gibt es keinen Beweis dafür, dass es dieselbe Zeit für soziale Übungen nähme, ließe man es nicht seine Spezialtalente entwickeln. Es ist geradezu wahrscheinlich, dass es durch seine Talente weitaus stärker akzeptiert wird und dadurch zu sozialen Kontakten kommt. Verantwortliche Eltern werden darauf achten, dass das Kind nicht das Gefühl erhält, so talentiert zu sein, dass es das Recht hat, auf allen Gebieten eine Sonderbehandlung zu erhalten.

Es sollte eigentlich möglich sein, akzeptables Sozialverhalten zu lernen, ohne dabei Talente zu vernachlässigen. Ein autistisches Kind muss lernen, Kritik anzunehmen, wenn andere etwas Zuwendung verlangen. Außerdem sollte der Autist mit einem wirklichkeitsbezogenen Verhältnis zu seinen Talenten aufwachsen, so dass - wenn er schon nicht seinen Lebensunterhalt damit verdient - er sich an eine einfachere Beschäftigung gewöhnen kann, ohne das Gefühl zu haben, dass er vom Schicksal verachtet sei.

Zusammengefasst kann man sagen, es gibt Gründe gegen die Überbetonung von Talenten:

  • Bei einem Kind, dessen Vertrauen in seine Fähigkeiten über Gebühr ausgebaut wird, könnte es zu einem Zusammenbruch kommen, wenn das beabsichtigte Ziel nicht erreicht wird.
  • Ein Kind, dessen Talent von allem Anfang an überbetont wird, könnte seine ganze Anerkennung darauf legen und sich nicht genötigt sehen, sein übriges Verhalten zu modifizieren.
  • Ein Kind, dessen Talente überbetont werden, könnte für normal gehalten werden.

Es gibt aber auch Gründe, Talente zu fördern:

  • Bei dem besonderen Talent eines autistischen Kindes könnte es sich um das einzige Mittel handeln, das ihm zu einem aktiveren Leben verhilft.
  • Ein Kind, das erst einmal seine Begabung kennt und weiß, welche Aufmerksamkeit es dadurch erhalten hat, könnte sich gegen die mangelnde Wertschätzung seitens der Familie stellen und abrupt sich von seinen Eltern zurückziehen zu einer Zeit, da es noch Führung nötig hat.
  • Ein Kind, dessen Fähigkeiten heruntergespielt werden durch häufige Bemerkungen über seine soziale Unreife, wird jedes Vertrauen in sich selbst verlieren.

Kurz, hier braucht es sehr viel Einfühlungsvermögen, Ausgewogenheit und Neueinschätzung auf jeder Stufe der kindlichen Entwicklung.

Folgerungen

Unter der Annahme, dass die Beobachtungen de Arbeitsgruppe durch andere gestützt werden, kann 'fast autistischen' Kindern die größte Hilfe zuteil werden, wenn man ihren Zustand als eine eigene Sorte von Autismus anerkennt und folgendes Berücksichtigt:

  • Untersuchungen sind anzustreben auf der Ebene von Defiziten bei fast normalen Menschen.
  • Unterrichtsmethoden sind zu erarbeiten, die auf solche Defizite ausgerechnet sind.
  • Informationen über die Art und Weise des leichten Autismus müssen verbreitet und in die Öffentlichkeit getragen werden, besonders sollten sie an Rechtsberater und Ärzte gelangen.
  • Wirklichkeitsnahe Berufsberatung und Einweisung muss erfolgen. Arbeitgeber sollten für die Ausbildungszeit besondere Anreize erhalten.
  • Gelegenheit zu beschützter Beschäftigung und überwachtem Wohnen müssen verstärkt geschaffen werden.
  • Verhaltensempfehlungen müssen hinausgehen an die Einrichtungen, die einzelnen Menschen in Krisensituationen helfen wollen.

Zusammenfassung

Ein Arbeitskreis von 6 Eltern und Fachleuten, die sich über ein Jahr lang brieflich "zusammentaten", haben ihre eindrücke von ungefähr 50 leicht autistischen Jugendlichen, die ihnen bekannt waren, verglichen. Die so zeitaufwändige "Luftpostmethode" hat zu recht sorgfältiger Diskussion geführt. Sie begann mit der Feststellung, dass die jungen Leute trotz ihrer einzigartigen Persönlichkeiten und verschiedenen Fähigkeiten viele charakteristische Gemeinsamkeiten aufwiesen. Einige der älteren Jungen hatten über Jahre mit Ausdauer sich an die Entwicklung von Fertigkeiten, die sie besonders interessierten, herangemacht und dabei andere, die für sie schwierig, völlig vernachlässigt oder übergangen. Oberflächlich betrachtet, konnte es erscheinen, dass diese jungen Leute in total verschiedenen Richtungen sich entwickelt hatten.

Bei der Untersuchung der Probleme, die sich mit der Kommunikation und der sozialen Anpassung stellen, fanden die Mitglieder des Arbeitskreises übereinstimmend heraus, dass diese 'fast normalen' Autisten ganz typisch eine nicht-wechselseitige Sprache benutzen und dabei immer wieder Schwierigkeiten beim Zuhören, beim zu wörtlichen Interpretieren von Wörtern und mit dem Machen von  irrelevanten Bemerkungen haben.

Im Sozialverhalten sind sie sehr vorsichtig, nachdem sie schon mehrfach die Folgen ihrer falschen Situationseinschätzungen erlebt haben. Der Arbeitskreis schlussfolgert, dass die sich als gemeinsam herausgestellten Probleme dieser Gruppe von vorwiegend männlichen 'fast normalen' Autisten nicht als zufällig abgetan werden kann. Weitere Untersuchungen über die Schwierigkeiten aller leicht autistischen Jugendlichen sind dringend von Nöten.


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letztes Update: 05.01.2005

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